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Erlebnisse einer Reisegruppe in Äthiopien

  • Autorenbild: Christoph Zinsstag
    Christoph Zinsstag
  • vor 2 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Vom 21. Februar bis 2. März 2026 war ich mit einer Gruppe von SELAM-Freunden unterwegs in Äthiopien. Wir besuchten verschiedene SELAM-Standorte und schlossen neue Bekanntschaften. Ich nehme euch mit auf unsere Reise:


Am Samstagmorgen, 21. Februar, landeten 9 Frauen und 4 Männer pünktlich und wohlbehalten mit dem Direktflug der Ethiopian Airlines aus Zürich und Mailand herkommend in Addis Ababa. Zusammen mit Chauffeur und SELAM-Sohn Berhanu, der uns während der ganzen Zeit in der Hauptstadt mit einem Bus von SELAM zur Verfügung stand, konnte ich die Gruppe abholen und ins Gästehaus der Mission am Nil bringen, wo wir bestens untergebracht waren.


In den kommenden 4 Tagen folgten Besuche in den SELAM-Kinderdörfern und Werkstätten und dem Misrach-Center von Mission am Nil, ein Gottesdienst in der deutschen Kirche, Ausflüge auf den Hausberg Entoto und in den UNITY-PARC auf dem Regierungshügel, ein Besuch einer Kaffeerösterei und nicht zuletzt zwei Abendessen, eines im Haus von SELAM-Sohn Fasil und seiner Frau Yoinishet und eines im SELAM-Restaurant, bei dem uns auch die neue Schweizer Botschafterin Riccarda Chanda mit Ehemann und den 3 Kindern mit ihrer Anwesenheit beehrte.


Am 25. Februar galt es früh aufzustehen, damit wir den Morgenflug nach Hawassa erreichten. Was für ein Unterschied zum geschäftigen «Betondschungel» von Addis Abeba. Nach einer Fahrt dem See entlang, ging es direkt zum Areal von SELAM Hawassa. Nach einer Besichtigung der Werkstätten, Klassenzimmer und Schulküche unter Führung von Direktor Temesgen Nigusie genossen wir einen feinen Zmittag aus der SELAM-Küche. Am Nachmittag folgte eine Bootsfahrt auf dem See mit Hippo-Sichtung. Zum Znacht waren wir bei Familie Duttweiler aus Lausanne eingeladen, die seit 4 Jahren in Hawassa leben, mittlerweile mit 4 kleinen Kindern. Offen erzählen sie uns von ihrem Ruf und Weg nach Äthiopien.


Am folgenden Morgen fuhren wir nach Sodo. In 3 Stunden ging es über viele Hügel durch die fruchtbare Gegend des Südens nach Sodo, der Hauptstadt des »Kantons« Woleita. Dort wartete schon Nico Stöcklin, der seit über10 Jahren mit seiner Familie in Sodo lebt und als unser »local guide« fungiert. Am Nachmittag besuchen wir zuerst das weitherum bekannte und geschätzte Sodo Christian Hospital. Anschliessend fuhren wir zur Werkstatt Emanuel, die Menschen mit Behinderungen beschäftigt, wo uns ein berührender Empfang bereitet wurde. Gegen 50 Angestellte und ihre Angehörigen verwöhnten die Schweizer Gäste mit Kaffee und »Dabbo« (Brot auf amharisch) und freuten sich über das Wiedersehen mit Dr. Rahel, einer Schweizer Ärztin, die sich früher stark für das Projekt engagiert hatte. Aufgrund von Covid und anderem war sie aber seit 6½ Jahren nicht mehr vor Ort. Nun konnte Rahel den Faden mit den Menschen in Sodo wieder neu knüpfen.

Die Reisegruppe zu Besuch in Sodo
Die Reisegruppe zu Besuch in Sodo

Am folgenden Tag erklommen die Marschtüchtigen den Hausberg Damota, 800m Höhendifferenz, eine einmalige Tour. Bis zuoberst auf fast 3000 m ist der Berg übersät mit kleinen Bauernhöfen und auf dem höchsten Punkt thront eine orthodoxe Kirche.


Der dritte Tag in Sodo begann mit dem Besuch der SELAM-Projekte, die vor einem Jahr gestartet haben. Ein Kleinkreditprogramm für Frauen und Lebensmittelhilfe für Binnengeflüchtete, bzw. deren Kinder. Zum Zmittag sind wir zu Gast bei Nico Zuhause. Anschliessend fuhren wir etwa 15 km aufs Land zu Nicos Schwiegereltern, fleissige Kleinbauern, die aus dem fruchtbaren Boden viel Gutes gewinnen, wie Süsskartoffeln, Kassawaknollen, Mais, Zuckerrohr, Bananen, Kaffee, Avocados oder Mangos.


Am 1. März geht es auf die Rückreise, zuerst nach Hawassa, von dort per Flug nach Addis Abeba, ein kurzer Abstecher zum historischen Wohnhaus des Schweizer Ingenieurs Alfred Ilg, Packen, Znacht im SELAM und dann auf den Nachtflug nach Mailand/Zürich.

Was bleibt nach 10 Tagen Äthiopien?


Vier Reiseteilnehmerinnen erzählen, wie sie die Zeit erlebt haben.


Denise Arber

Von all den Eindrücken werden mir vor allem die herzlichen Begegnungen mit den Menschen in Erinnerung bleiben. Wir wurden vielerorts privat eingeladen und überall mit einer Offenheit empfangen, die mich tief berührt hat. Die Menschen begegneten uns mit echtem Interesse, mit Herzlichkeit und grosser Gastfreundschaft – als würden wir uns schon lange kennen. Unterwegs gab es viele kleine Momente: ein Zuwinken, ein Lachen, ein kurzer Blickkontakt. Besonders die Kinder bleiben mir in Erinnerung – ihre glänzenden Augen und ihre ansteckende Fröhlichkeit. Ebenso beeindruckt hat mich der grosse Anteil junger Menschen. Ihre Lebendigkeit prägt das öffentliche Leben und vermittelt den Eindruck, dass sie ganz im Augenblick leben. Trotz grosser Herausforderungen spürt man eine bemerkenswerte Lebensfreude und Gelassenheit. Auch wenn die materiellen Möglichkeiten bescheiden sind, begegnet man einer Zufriedenheit, die zum Nachdenken anregt.


In einer Welt, in der wir oft nach mehr streben – mehr Besitz, mehr Erfolg, mehr Geschwindigkeit –, wird einem bewusst, wie stark unsere Perspektive vom «Haben» geprägt ist. Die Begegnungen in Äthiopien haben mir eine andere Haltung spürbar gemacht: eine Kultur des «Seins» – im Hier und Jetzt leben, Beziehungen pflegen, das Leben miteinander teilen. Besonders eindrücklich war der Lebensmut vieler Menschen, die mit Armut, Krankheit oder Behinderungen leben. Sie begegneten uns mit Würde, Humor und erstaunlicher Stärke.


Diese Reise hat mir einmal mehr gezeigt: Wirklicher Reichtum liegt nicht im Haben, sondern im Sein – in Verbindung zum andern sein, in Gemeinschaft und im offenen Blick füreinander. Ich bin dankbar für diese Erfahrung – für das Miteinander innerhalb unserer Gruppe ebenso wie für die vielen herzlichen Begegnungen mit den Menschen in Äthiopien. Die Eindrücke und Begegnungen werden mich noch lange begleiten.



Yvonne Müller

Meine Reise nach Äthiopien hat mich tief beeindruckt und nachhaltig berührt. Neben den vielen schönen Begegnungen und Bildern bleibt mir vor allem die aussergewöhnliche Arbeit von SELAM in Erinnerung. Mit grossem Engagement und viel Herz setzt sich dieses grossartige Werk dafür ein, Kindern und Jugendlichen eine echte Perspektive zu geben. Es bietet ihnen nicht nur Zugang zu Schulbildung und beruflicher Ausbildung, sondern auch ein Zuhause, in dem Vertrauen, Gemeinschaft und Hoffnung wachsen können. Es war bewegend zu sehen, mit welcher Hingabe hier gearbeitet wird und wie viel Positives dadurch im Leben junger Menschen entstehen kann. Diese Erfahrung hat mir einmal mehr gezeigt, wie wichtig solche Initiativen sind und wie viel sie bewirken können.


Ein besonderer Dank gilt unserem Reiseleiter Christoph Zinsstag, der diese Reise nicht nur bis ins Detail hervorragend geplant und organisiert hat, sondern sie mit seinen lebendigen Erzählungen und persönlichen Anekdoten zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht hat. Ich nehme aus dieser Reise eine grosse Dankbarkeit und viel Respekt für diese wertvolle Arbeit mit. SELAM wünsche ich weiterhin viel Kraft, Erfolg und Gottes Segen.


Pia Eschenmoser

Rückblickend beeindruckt mich, was wir aufgrund des gut vorbereiteten, dicht getakteten Reiseprogrammes alles erleben konnten. Wie viele Einblicke in wenigen Tagen, in mir bislang Unbekanntes, möglich wurde. Durch Christophs umfangreiches Netzwerk wurden verschiedenste Begegnungen möglich, wie zum Beispiel der Besuch bei einem Schweizer, der mit seiner Familie seit vielen Jahren in Sodo lebt. Die holprige Fahrt im Schritttempo aufs Land, zu den Schwiegereltern des Baslers, bleibt mir in lebhafter Erinnerung.


Die Landbevölkerung lebt einfach, ihr Alltag fordert viel von ihnen, ist anstrengend. Wie selbstverständlich beteiligen sich auch die Kinder an der Arbeit. Und Kinder hat es sehr, sehr viele. Wo wir hinkamen, schwups, war da eine Ansammlung von Kindern, die uns neugierig beäugten. Die Not der Ärmsten in Äthiopien ging mir nahe. Doch welche Hilfe, Unterstützung ist richtig und hilft nachhaltig? Ich glaube, dass SELAM mit seinem Ermächtigungsprogramm einen Weg aus der Armut möglich macht. Staunend sah ich in Addis Abeba, Hawassa und Sodo, wie sich das SELAM-Werk in den 40 Jahren seines Bestehens entwickelt hat. Umfassend wird den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Unterstützung geboten. Die Jüngsten werden physisch und psychisch versorgt, können familienähnlich mit Hausmüttern aufwachsen und gedeihen, erfahren Zuwendung, Sicherheit und Liebe. Spielen können, sich Wissen aneignen, zur Schule gehen und später eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren. Sie werden umsorgt, ausgerüstet und begleitet, um ihre individuell persönliche Zukunft mit Gottes Hilfe verantwortungsvoll anzupacken.


Ein Bild bleibt mir in besonderer Erinnerung. Als ich mich unwohl fühlte und mich deshalb in einem Schlafzimmer des ehemaligen Röschli-Wohnhauses hinlegen durfte, stiess ich auf dem Weg zu diesem Raum im Wohnzimmer auf Männer, die auf den Knien beteten.


Ursina Hartmann

Das SELAM kannte ich von den Erzählungen von meinem Vater, der das Ehepaar Röschli persönlich kennengelernt hatte. Nach Frau Röschlis Tod 2018 kamen mir diese Erzählungen wieder in den Sinn. Meine Neugier war geweckt. Zuerst habe ich das erste Buch von Marie-Luise Röschli bestellt und gelesen. Ich dachte, wenn dies zu frömmlerisch sei, dann lese ich keins mehr. Das Buch hat mir gut gefallen, vor allem, weil Frau Röschli authentisch in ihren Beschreibungen war. Danach habe ich alle anderen Bücher direkt bei SELAM bestellt und gelesen. Am 35-Jahre Jubiläumsfest 2021 habe ich die Diashow über Äthiopien besucht. Bei diesem Vortrag wurde erwähnt, dass SELAM Reisen nach Äthiopien organisiert. Zudem gab es eine Fotoausstellung von Samuel Sommer über das Land.


Dieses Jahr war es endlich so weit und ich habe mich für die Reise angemeldet. Vieles hat mich beeindruckt und es kam mir das Gleichnis vom Senfkorn in den Sinn, als ich gesehen habe wie gross und effizient das SELAM geworden ist. Am meisten beeindruckt war ich aber von Fasil. Fasil ist ein SELAM-Sohn, der inzwischen 49 Jahre alt ist. Während eines Abendessens bei ihm zu Hause, wo die ganze Reisegruppe eingeladen war, hat er uns seine Geschichte erzählt: Fasil ist der Sohn eines Soldaten. Am 24. Mai 1991 wurde er und andere Menschen von Asmara in Eritrea nach Sudan vertrieben. Er flüchtete mit Soldaten vor dem Bürgerkrieg zwischen der Derg-Regierung und der Eritrea People’s Liberation Front (EPLF). Dazu muss man wissen, dass Äthiopien und Eritrea vorher ein gemeinsames Land war. Es war ein traumatisches Erlebnis, denn viele Flüchtlinge sind verdurstet und während der Flucht gestorben. Er kam am 10. November 1991 aus dem benachbarten Sudan nach Addis Ababa und ins SELAM-Kinderdorf, damals war Fasil 14 Jahre alt. Die Flüchtlinge wurden vorübergehend im Selam aufgenommen, bis sie ihre Familien wieder fanden. Wer keine Familie hatte, blieb im SELAM. So ist Fasil auch geblieben und hat später eine Ausbildung im SELAM-Berufsbildungszentrum im Bereich Metallbau absolviert. Inzwischen ist Fasil verheiratet und Vater von 4 Kindern. Vor 25 Jahren hat er den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt. Heute führt er erfolgreich zwei Firmen in den Bereichen Metallbau und Sanitärhandel. Die Werte, welche ihm vom Ehepaar Röschli weitergegeben wurden, lebt er im Privatleben und im Geschäftsleben. In seiner Wohnung hängt ein Plakat mit Hausregeln auf Englisch. Übersetzt auf Deutsch sagen sie folgendes aus: Liebe untereinander, niemals aufgeben, viel lachen, respektvoll sein, Versprechungen halten, grosse Träume haben, nette Worte brauchen, machen was einem Spass macht. Immer ehrlich sein. Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit, haben wesentlich zu seinem Geschäftserfolg beigetragen.


Inspiriert?

Haben Sie diese Erlebnisse und Erzählungen inspiriert? Dann setzen Sie sich gerne mit mir in Verbindung. Ich organisiere regelmässig Vorträge, Inputs für Gottesdienste, Nachmittag für Seniorinnen und Senioren sowie Konfuntis. Ich bin sicher, dass wir gemeinsam ein passendes Format finden.


Christoph Zinsstag: c.zinsstag@selam.ch | 079 240 52 83

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